Unterwegs sein auf dem Weg des Buches – Auf den Spuren der Bibelschmuggler und Geheimprotestanten von Dr. Michael Bünker
„(W)er in der Vergangenheit, d.h. vor 1781, seinen evangelischen Bekenntnis gemäß lebte, der war bestimmt nicht ein evangelischer Taufscheinchrist, sondern riskierte mit seinem Bekenntnis Leib und Leben, Vermögen und Familie. Schon deshalb werden verlassene Burgen und Ruinen als evangelische Gedenkstätten bezeichnet, weil auf ihnen unter Kaiser Franz Ferdinand II. Geschlechter lebten, die es vor Gott nicht verantworten konnten, ihren Glauben aufzugeben, sondern lieber ihre Heimat verließen. So verstanden, sind versteckte Grabplatten an katholische Pfarrkirchen, alte verfallene Gemäuer in den Bergforsten und bescheidene, abseits stehende Toleranzbethäuser lebendige Zeugnisse der Glaubensentscheidungen unserer evangelischen Vorväter, die uns mahnen, einzige Wahrheit auch unseres Lebens zu erkennen, nämlich den lebendigen Gott in Jesus Christus, der unser Leben vollendet und zum ewigen Leben führt. Gott schenke uns seinen heiligen Geist dazu.“
Der kleine Gedenkstättenführer aus dem ich dieses Zitat entnommen habe, wurde Anfang der 1980er Jahre vom ehemaligen Bischof Oskar Sakrausky herausgegeben. Er ist eine der wenigen publizierten Quellensammlungen auf dem Weg der Bücherschmuggler und Geheimprotestanten durch Österreich.
Die Geschichte und Geschichten über die geschmuggelten Bücher, über jene Menschen, die seit Jahrhunderten verbotene Bücher und Glaubenstraditionen innerhalb ihrer Familien weitergeben und weiterleben, sind jedoch nur schwer in Buchdeckeln zu fassen.
Vielmehr sind die Erlebnisse mit den Büchern Lebens- und Weggeschichten. Viele Menschen haben sich wegen ihrer Bücher und ihres Glaubens auf den Weg machen müssen, sind ausgewandert oder wurden ‚transmigriert’, wie es im habsburgischen Verwaltungsdeutsch genannt wurde. Anfang des 18. Jahrhunderts., als sich die religiöse Lage in Europa bereits beruhigt hatte, brach 1732/32 im Salzburger Fürsterzbistum eine beispiellose Jagd auf die evangelischen „Ketzer“ los: innerhalb von zehn Monaten wurde ein Fünftel der Bevölkerung des Landes verwiesen – innergebirg betrug der Anteil der „Exulanten“ sogar bis zu 80 bzw. 90%. Nach einer zirka dreimonatigen Wanderung quer durch Deutschland fanden die meisten von denen, die überlebten Aufnahme in Ostpreußen, das durch die Pest entvölkert war. Viele Geheimprotestanten flohen im 17. und 18. Jahrhundert auch nach Süddeutschland und Brandenburg. In Siebenbürgen entstanden ganze so genannte ‚Landlergemeinden’. Ein kleinerer Teil zog nach Holland; einige wenige gelangten über England nach Amerika.
Ihre Bücher sind oftmals auch eigene Wege gegangen. Gut versteckt blieben sie im Land, während ihre Besitzer längst an einem anderen Ort bereits verstorben waren. Manche dieser Verstecke wurden und werden noch heute erst durch Zufall wieder gefunden. So sind die Geschichten der Bibel auch Weggeschichten. Sie begleiten uns Menschen durch die Jahrhunderte hindurch.
Zur Entstehung des Projektes „Weg des Buches“
Der Weg des Buches ist aus der Evangelischen Kirche heraus entstanden, genauer gesagt, haben Religionslehrerinnen den Anstoß zu diesem Projekt gegeben, dass die Geschäftsführerin von „respect –Institut für integrativen Tourismus“ Margit Leuthold – selbst auch Pfarrerin ‒ leitete. Unter Ihrer Projektleitung wurde mit viel Engagement und Feuer von allen Beteiligten das Projekt „Weg des Buches“ entwickelt. Drei Gruppen haben an dem Weg des Buches mitgearbeitet: Wander- und TourismusexpertInnen, die Bibelgesellschaft sowie
die Spezialisten für Kirchengeschichte an der Universität Wien. Das Wissen aller Beteiligten fügt sich zusammen in den drei im vergangenen Herbst erschienen Büchern. In dem:
- Wanderbuch „Der Weg des Buches“
- Bibelleseplan, der dem Wanderbuch beiliegt
- „Buch zum Weg“, das sich mit der Kirchen-, Kunst- und Kulturgeschichte am „Weg des Buches“ befasst.
Der Wanderführer führt uns entlang alter Schmuggelwege der deutschen Bibel zur Zeit des Geheimprotestantismus vom Norden, von Passau -Schärding in den Süden Österreichs bis an die slowenische Grenze nach Arnoldstein/Agoritschach. Er führt durch die vier Bundesländer Oberösterreich, Salzburg, Steiermark und Kärnten. 29 Tagesetappen, fünf Radtouren und 24 Wandertage beschreiben einen thematischen Weitwanderweg auf bestehenden Rad- und Wanderwegenetzen. Praktische Tipps zu Unterkunft, Geschichte und Kultur vor Ort bieten möglichst große Unabhängigkeit und Sicherheit auf dem Weg und ausreichend Information, um Menschen, Geschichten und die Besonderheiten vor Ort besser kennen lernen zu können.
Wanderexperten der Naturfreunde Österreich und des Österreichischen Alpenvereins brachten ihre Expertise ein, katholische Christen machten sich auf eine ihnen ungekannte Geschichte in ihrer Region. Kirchengemeinden und Tourismusverantwortliche in den Tourismusverbänden der Regionen nahmen die Idee auf und entwickelten eigene Tourismus-Angebote, die einzelne Wegstrecken begleiten. Mit dem zu den Etappen entsprechenden Bibelleseplan können Interessierte den Weg als „meditativen Einkehrweg“ erleben.
Dass die Spurensuche nicht nur für Nachfahren der Geheimprotestanten wichtig ist, wurde schon während der Arbeit am Projekt deutlich: Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen engagierten sich mit großer emotionaler Beteiligung für das Projekt, weil es ein Stück österreichischer Geschichte ist, über die nur wenige Menschen außerhalb der Evangelischen Kirche etwas wissen.
Der Weg des Buches verbindet
Orte, Landschaften, Regionen und Menschen. Auf Schmuggelrouten, entlang alter Handelstraßen und Säumerpfade sind markante Orte zu finden: das Emlinger Holz, in dem die Bauern in Oberösterreich nicht nur, aber auch für ihre Freiheit im Glauben kämpften. Im Museum in Peuerbach und im Evangelischen Museum Oberösterreich in Rutzenmoos sind Bibeln, Fahnen, Waffen und Schellen, die große Glocken – das sogenannte „Hamliche G’läut’ ‒ , die bei Gefahr geschlagen wurden, zu finden. Im Salzkammergut können alte geheimprotestantische Treffpunkte in Höhlen entdeckt werden. Geschichten erzählen von Bibelverstecken in Brunnen, Scheunen und Fässern. Die Erinnerung an die bibelschmuggelnde Gosauerin Brigitta Wallner, die ein Leben als Holzknechtwitwe und Geheimprotestantin führte, sich wiederholt zu Fuß nach Deutschland aufmachte, um dort an evangelischen Gottesdiensten teilzunehmen und dabei die Bibeln und Andachtsbücher in ihre Heimat nach Gosau schmuggelte, macht deutlich, dass bei den Evangelischen auch Frauen des Lesens kundig waren und einen eigenen Kopf hatten. In der Ramsau steht ein Felsen im Wald, als Predigtstuhl bekannt. Nomen est omen: Hier kamen die Ramsauer Bauern zusammen, um von Wanderpredigern die Schrift ausgelegt zu bekommen. In Kärnten ist in der Nähe des Weißensees in einem Waldstück die „Hundskirche“ zu finden, ein meterhoher, sehr markanter und mit Zeichen versehener Felsen. Dort feierten Geheimprotestanten Gottesdienste und Abendmahl. Auch hier warnten die Schellen, das ‚Hamliche G’läut’, vor Entdeckung.
Im Gegensatz zur Vergangenheit können heute Wanderer bei schönem Wetter und mit leichtem Gepäck unterwegs sein, ohne Gefahr zu laufen, verhaftet zu werden. Vor Jahrhunderten waren Schmuggler mit Bücherware aus Süddeutschland unterwegs, stets in der Gefahr, erwischt zu werden. Lutherische Bibeln, Gebets- und Gesangbücher waren verboten. Fand man bei Bauern, Knechten und Mägden solche Bücher, wurde oft kurzer Prozess gemacht: Die Bücher wurden konfisziert und verbrannt, die Menschen zur Auswanderung gezwungen. Wie immer, mit unterschiedlichen Schrecken für die Betroffenen. Während Adelige ihr Hab und Gut verkaufen oder innerhalb der Familie vererben konnten, verarmten Bauern und Knechte in fremden Landen oft als Tagelöhner. Junge Männer wurden zum Militär zwangsrekrutiert – und kamen in Kriegen um. Kirchenlieder erzählen von diesen traumatischen Erfahrungen und vielleicht findet der eine oder die andere nach einigen Etappen auf dem Weg des Buches für sich einen ganz neuen Zugang zu diesen alten Liedern. Für Evangelische aus Deutschland kann dieser Weg zu einer ganz eigenen Spurensuche in der Familiengeschichte werden:
Wer sich mit Wanderführer und Bibelworten auf den Weg macht, wird vielleicht erfahren, dass Geschichte lebendig werden und die Gegenwart der evangelischen Gemeinden auf dem Weg mit anderen Augen gesehen und wahrgenommen werden kann.
„Lesen lernen“ – das Programm Melanchthons
„Lesen lernen“ - mit diesem ebenso schlichten wie prägnanten Programm startete Philipp Melanchthon bereits in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts ein einzigartiges Bildungsprogramm, dessen Erben wir in vielem noch heute sind. Schulen wurden gegründet, Universitäten erhielten neue Lehrpläne, Lehrer wurden ermahnt, auch Mädchen zu unterrichten. Melanchthon erarbeitete Schulordnungen, er schrieb Grammatiken und unterrichtete selbst mit großer Leidenschaft. Kein Wunder, dass ein Professor, der das protestantische Bekenntnis als Theologe maßgeblich prägte, sich auch dafür einsetzte, dass jeder Christenmensch eigenständig in der Bibel lesen kann. Das Buch der Bücher, von Luther so grandios in die deutsche Sprache übersetzt, brauchte Leser und Leserinnen.
„Lesen lernen“ – dieses Programm in der ausgreifenden Bedeutung, die über die bloße Buchstabierfähigkeit weit hinausging, eröffnete einen Zugang zum kulturellen Erbe der Vergangenheit, mehr noch, das Lesen ermöglichte eine Begegnung des Menschen mit sich selbst und führte ihn zur Mündigkeit. Daher erschien in der Zeit der Gegenreformation bis weit ins achtzehnte Jahrhundert das Buch als Gefahr, weil der Gewinn an Selbstständigkeit, um den es Melanchthon zu tun war, für mehr als suspekt und gefährlich gehalten wurde. Alleinlesen fördere die Aufsässigkeit und Eigensinnigkeit, so hieß es.
Ein evangelischer Bischof, der heute über die Kulturbedeutung des Buches sprechen darf, steht auf den Schultern des Riesen Melanchthon, dessen Überlegungen in vielem auch heute noch aktuell sind.
Lesen lernen – die neue Freiheit von Bauern, Knechten und Mägden
Wonach riechen eigentlich Religionen? Dieser Frage ist Lionel Blue, ein englischer Rabbiner, nachgegangen. In seinem Buch „A Taste of Heaven“ behauptet er, das Judentum rieche nach schwerem Rotwein, der Hinduismus nach Kardamom, der Katholizismus – richtig – nach Weihrauch. Aber wonach riecht der Protestantismus? Ist der nicht durch seine Kopf- und Wortlastigkeit sinnlich kaum erfahrbar? Wonach sollte eine Religion riechen, in der fast ausschließlich von einigen gesprochen und von den meisten zugehört wird? Lionel Blue ist zum Glück doch fündig geworden. Evangelische Kirchen, so meint er, verströmen den typischen Geruch von alten Büchern.
Damit ist durchaus etwas Richtiges getroffen. Schon ein flüchtiger Blick in eine evangelische Kirche zeigt es deutlich: Auf dem Altar, im Zentrum, liegt ein Buch, nein, es ist DAS Buch, das Buch der Bücher, die Bibel, das ist die ganze Heilige Schrift. Eine Altarbibel. Meist liegt sie mit aufgeschlagenen Seiten da, als wollte sie dazu einladen, dass sich die Besucher und Besucherinnen über die Seiten beugen, die Buchstaben als Worte erkennen und zu lesen beginnen. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde…“
Lesen ist immer mehr als das bloß korrekte Wiedergeben der Buchstaben, meinte der vor kurzem verstorbene österreichische Germanist Wendelin Schmidt-Dengler, vor allem sollte es immer ein Erkenntnisgewinn sein. Lesen reicht nämlich weit über das Geschriebene hinaus, es ist eine geistliche Übung, ein „Exerzitium“, das die Menschen lehrt, mit den Tatsachen des Lebens umzugehen. So ist das Lesen nie nur auf die Schrift vor Augen gerichtet, es schließt immer den Leser, die Leserin ein. Zahllos sind die Beispiele, wo Lesende in den Strudel der Buchstaben hineingezogen werden, selbst zu Figuren der Literatur, in die sie sich vertieft haben. Umgekehrt kann den Lesenden das eigene Leben in der Lektüre des Textes vor Augen treten ‒ in einer Deutlichkeit, die ohne Leseübung undenkbar wäre. So kann’s auch mit der Bibel gehen. Nein, sagte eine alte Bäuerin, nicht ich lese die Bibel. Die Bibel liest mich. Sie war auch schon lange auf dem Weg des Buches.
Am 31. Oktober feiern die Evangelischen das Gedenken der Reformation. Dieser Tag ist in einem europäischen Land Nationalfeiertag, obwohl es dort nur wenige Evangelische gibt. Es ist Slowenien. Warum? Die Antwort liegt im 16. Jahrhundert, dem Zeitalter der Reformation. Von Anfang an war es der Anspruch, dass jeder Christ, jede Christin die Möglichkeit haben soll, in der Bibel zu lesen. Dazu waren zwei Dinge notwendig: Zuerst musste die Bibel in die jeweilige Landessprache übersetzt werden. Das ist in großem Umfang geschehen. Martin Luthers Bibelübersetzung gilt als besonders gut gelungenes Beispiel. Unter den Übersetzungen in andere Sprachen möchte ich die ins Slowenische erwähnen. Mit ihr ist die slowenische Kultur erst möglich geworden. Deshalb ist der Reformator Sloweniens, Primoz Trubar, der vor 500 Jahren geboren wurde, auf der Ein-Euro-Münze abgebildet. Deshalb ist im überwiegend katholischen Slowenien der Reformationstag Nationalfeiertag. Zum Übersetzen gehörten der Druck und die Verbreitung des Buches. Und schließlich – besonders entscheidend – mussten die Menschen in die Lage versetzt werden, dieses Buch auch lesen zu können.
Daher war von Anfang galt die Schule als besonders Anliegen der Reformation. Alle müssen lesen und Schreiben lernen, nicht nur die Kinder der Adeligen, auch die Kinder der Bauern; nicht nur die Buben, auch die Mädchen.
So kam es in der Reformationszeit zu einer weiten Verbreitung der Bibel, die Adeligen halten sie in ihren Bibliotheken, die Bürger der Städte und bemerkenswerter Weise auch die Bauern. Bald kamen weitere Literatur dazu, Gesangsbücher, Gebetsammlungen, Predigtausgaben … und auf den Bauernhöfen entstanden kleine Bibliotheken.
Das alles war kein Selbstzweck: Vor Gott, so die Grundüberzeugung der Evangelischen, kann sich niemand vertreten lassen. Jeder und jede ist selbst aufgerufen, für den Glauben einzustehen und grad zustehen. Mündigkeit, Selbstständigkeit in Glaubensdingen braucht die Bildung zu mündigen Christenleuten.
„…Wir aber wolln fest beim alten Glauben, fest beim Evangeli bleiben, fest bei ünsern Herrn Jesu bleiben. Wir wolln liaber Haus und Hof, ünser Hoamat, ünsere Berg, liaber Weib und Kinder verlassen, als ünsern Herrn Jesum. Ünsern Herrn nit verlaugna, nicht verratn, nit scheinheilig stellen oder katholisch und im Herzen evangelisch sein!
Christus hat den Armen das Evangeli bracht, der guete Hirt von Salzburg nimmts wieder, ja aber glei das druckte Evangeli kann er nehma, das da drein (in der Brust) kann er nit nehma, und lassens üns nit nehma. … O, wie a schöne Zeit haben wir ghabt! Mit dem Evangeli und der hl. Schrift sind wir schlafen ganga, die Sennderin, der Hirte hats auf d’Alma genumma, der Holzknecht in den Wald; der Jager auf die Bürsch, die hl. Schrift war ünser Geschichtenbuech, ünser Heil und Glück, ünser Segen, Freud und Lust.. Es war bei üns so, wie der hl. Paulus befiehlt:’Lasset das Wort Gottes reichlich unter euch wohnen in aller Weisheit, lehret und ermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern.’ Aber Alls habens üns gnumma, graubt und verboten, nit anmal die schön alten Gsanger därfen ma mehr singa. …“.
Warum er denn so störrisch an seinen Büchern hänge und sie nicht freiwillig herausgebe, wie es die anderen lutherischen Sektierer doch auch täten, wurde ein Bauer Mitte des 16. Jahrhunderts in der Nähe von Kitzbühel im Verhör gefragt. Wir sind mitten in einer großangelegten Polizeiaktion auf der Suche nach den verbotenen Büchern, um der evangelischen Ketzerei den Boden zu entziehen. Nächtliche Razzien und Denunziationen gehörten ebenso dazu wie der Einsatz von polizeilicher Gewalt. Der Erfolg scheint den Bücherjägern Recht zu geben. Mehrere zehntausend Bücher werden eingesammelt und verbrannt, sie sind nach Meinung der Obrigkeit zu nichts anderem gut, als das man ein Sonnwendfeuer mit ihnen mache. Eine unselige Tradition der Zensur, der Gedankenpolizei, der Bücherverbrennung, die hier ihren Anfang genommen hat.
Nun zurück zu unserem Bauern. Sein Name ist überliefert, er hieß Christoph Linsegger und wusste wohl um die Folgen, wenn er sich nicht gehorsam zeigt. Dennoch: Nein, sagte er, er werde die Bücher niemals von sich aus hergeben, denn – und jetzt kommt die Begründung ‒ mit ihnen „speise er seine Seele“.
Über diesen Satz bin ich gestolpert. Die Bücher, allen voran die Bibel, die Heilige Schrift, als Speise und Nahrung für die Seele.
Damit ist eine Dimension angesprochen, die alle, die regelmäßig in der Bibel lesen, bestätigen können. Wodurch wird die Seele gespeist? Zuerst einmal ist es die tiefe Menschlichkeit, die sich in den biblischen Geschichten ausdrückt. Von der großen Politik bis hin zum unscheinbaren Leben der kleinen Leute, dann wieder große dramatische Konflikte, nicht selten auch eine gehörige Portion Sex and Crime, wunderbare Literatur, ein Schatz an Wendungen und Sprichwörtern, alles das ist die Bibel. Aber sie ist immer auch mehr, denn sie verwebt alles Menschliche mit der Gottesgeschichte. Verweben, wie ein Textil gewebt wird. Der Text der Bibel ist wie ein solches aus vielen verschiedenen Fäden gewebtes Textil. Gleich, welchen Faden jemand in die Finger bekommt, es erschließt sich das ganze Gewebe.
Die Geschichte der Evangelischen in Österreich ist also auch eine Geschichte der verbotenen Bücher und insbesondere der der Bibel. Auf geheimen Wegen wurden sie ins Land geschmuggelt. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Toleranzpatent Joseph II im Jahr 1781 gibt es diesen Strom der Untergrundliteratur von den Druckereien in Württemberg oder in Franken ins Land gebracht, in Fässern versteckt, oder auf dem Rücken, auf der Kraxen getragen, von professionellen Kleinhändlern und Schmugglern, von Markt zu Markt, von Hof zu Hof. Gleichzeitig die ständigen Versuche der Obrigkeit, die Bücher aufzuspüren und zu vernichten. Wer lesen konnte, war automatisch der Ketzerei verdächtig.
Die Verstecke, an denen die Bibeln aufbewahrt wurden
Es waren ‒ und das ist das besondere Kennzeichen für den österreichischen Protestantismus ‒ Bauern, zumeist in abgelegenen Tälern, die auf ihren Höfen die Bücher verwendeten. Aus Angst vor der Polizei, auch vor Denunziation, versteckten sie die Bücher. Es ist abenteuerlich, die Aufzählung der Bücherverstecke in den Polizeiprotokollen zu lesen. Unterm Herd, im Strohsack, irgendwo auf der Alm, im Stall, im Tenn, im Heu, bei den Pferden, im Bienenstock, ja sogar im Butterrührkübel, überall waren Bücher. Eindrucksvoll die Geschichte der Bäuerin, die beim Herannahen der Polizei ihre Bibel schnell im Brotteig versteckte und das Brot in den Ofen schob. So blieb das Buch unentdeckt, und die Bibel wurde zum Brot, zur täglichen Nahrung für Leib und Seele.
Zehntausende Bücher sind gefunden und verbrannt worden, viele sind erhalten geblieben, nicht nur im Museum, sondern bis heute in Verwendung. Wer weiß, wie viele noch versteckt sind weil sich niemand der Orte erinnert, an denen sie aufbewahrt wurden?
Am Abend, beim Dunkelwerden, saßen die Hausleute beisammen und der Bauer las aus dem Buch. Mehr wie eine Kerze wird wohl nicht gebrannt haben. Die Vorhänge waren zugezogen. Man wusste ja nie, wer vorbei kommt und sich wundert, wieso da noch Licht ist, und außerdem die Nachbarn… Aber die Dunkelheit hatte für diese Menschen nichts Furchterregendes. Die Bücher waren unser Licht, sagte einer von ihnen im Rückblick.
Die Bibel ‒ Ein Schatz der Menschen
„Im ganzen Haus war es still“, so beschreibt der Kärntner Bauernsohn Michael Unterlercher, wie bei ihnen zu Hause Mitte des 19. Jahrhunderts Ostern gefeiert wurde. Während die katholischen Nachbarn ins Dorf zur Messe gingen, saß die evangelische Familie um den Tisch. Reihum wurde im Predigtbuch gelesen. Nach der gemeinsamen Andacht zog sich jeder und jede mit einem Buch in irgendeinen Winkel zurück. Mann und Frau, Eltern und Kinder, auch die Knechte und Mägde. Im ganzen Haus war es still. Ein eindrückliches Zeugnis für die typisch evangelische Lese- und Bibelfrömmigkeit. Die Bücher kamen lange Zeit auf Schmuggelpfaden ins Land. In einem ununterbrochenen Strom. Es war dieser Strom der Bücher, der die evangelische Frömmigkeit in Österreich am Leben erhielt. An abgelegenen Tälern, im Geheimen, in einer Höhle, im Wald, in der Dunkelheit der Nacht wurde gelesen, gelesen und gelesen. „Sie haben ihren Schatz an den Bibeln, Postillen und dergleichen Büchern gehabt“ heißt es in einem Verhörprotokoll. Das stimmt materiell, die Bücher waren für Bauern sehr teuer, es stimmt aber auch im übertragenen Sinn. Die Bücher, allen voran die Bibel, waren der Schatz der Menschen.
Der Weg des Buches, der Weg der Bibel und der Weg mit der Bibel
Evangelische gehen diesen Weg ihr Leben lang. Schon bei der Taufe wird dem Neugeborenen ein biblischer Taufspruch mitgegeben, und bei der Konfirmation, der Wende zum Erwachsenwerden, erhalten die jungen Menschen einen ganz persönlich für sie ausgesuchten Bibelspruch mit für ihren weiteren Weg im Leben. Nicht selten wird dieser Konfirmationsspruch wieder verlesen und ausleget, wenn ein Mensch gestorben ist. Wie hat dieses Bibelwort im Leben gesprochen? Was hat es gesagt? Bei Trauungen schenkt die Pfarrgemeinde gerne eine Familienbibel, in der Geburten, Hochzeiten, Sterbefälle eingetragen werden und so das Geschick, Freud und Leid im Leben der Familie mit der Botschaft der Bibel verbunden. Mit der Bibel gehen viele in den Tag. Neben dem Brauch, täglich einen Abschnitt der Bibel zu lesen, sind es besonders die sogenannten Losungen, die weit verbreitet sind. Diese Tradition verdanken wir der Herrenhuter Brüdergemeinde und ihrem Gründer Nikolus von Zinzendorf. Er hat eines Abends seiner Gemeinde einen Satz aus der Bibel mit auf den Weg gegeben. Das hat allen so gefallen, dass sie ihn täglich darum gebeten haben. So wurde der Brauch eingeführt, aus einer großen Zahl von biblischen Sätzen für jeden Tag einen auszulosen. Daher „Losungen“. Es tut einfach gut, den Tag nicht gleich mit den Terminen und Planungen zu beginnen, die er mit sich bringt, sondern innezuhalten, aufzuhören mit dem eigenen Getriebe und auf jene Stimme zu hören, die Christinnen und Christen aus der Heiligen Schrift vernehmen. Eine andere Stimme, die Stimme eines anderen. In ihrem Licht kann sich jeder und jede wieder neu und vielleicht auch wahrhaftiger sehen und erkennen.
So wird sich evangelische Frömmigkeit und Spiritualität immer als Bibelfrömmigkeit und Lesefrömmigkeit darstellen. Evangelisch-Sein heißt, den Weg des Buches gehen. Und damit auch einen Beitrag zur unverzichtbaren Kultur des Lesens und des Buches im Allgemeinen geben.
Es gibt keine Zukunft ohne Herkunft
Es ist heute in keiner Weise mehr selbstverständlich, dass Menschen in Kirchen schauen und zum Gottesdienst kommen, um eine Antwort auf ihre spirituellen Fragen zu finden.
Es ist aber von großer Bedeutung für die Kirchen, dass sie Menschen auf ihrem Lebensweg begleiten. Wegbegleitung heißt: ich bin bei dir, ich höre zu, wir reden miteinander, du kannst all deine Fragen stellen, wir sind gemeinsam unterwegs. Das Interesse an Pilgerwegen, Pilgerreisen und -fahrten ist einer von vielen Indikatoren, die heutzutage einen Trend in Richtung neuer Spiritualität anzeigen. Pilgern ist in dieser Beziehung keine konfessionell gebundene Tradition. Wenn wir mit dem Weg des Buches an die alten Schmugglerwege anknüpfen, begründen wir eine neue Kultur des Erinnerns und Wahrnehmens.
Die evangelische Kirche A.B. begibt sich auf den Weg des Buches und bietet Begegnung mit ihrer Geschichte und ihrer Gegenwart an. Gerade im ländlichen Bereich sind die Kirchen oftmals eine der wenigen Kulturträgerinnen im Ort und die weit sichtbaren Kirchtürme, die robusten Kirchenmauern geben ein deutliches Signal: Wir ziehen uns nicht zurück, auch wenn das Geschäft, die Tankstelle, die Schule und die Bibliothek schon geschlossen sind. Kirchenraum ist also auch öffentlicher (Kultur-) Raum, mit dem Menschen auf dem „Weg des Buches“ vertraut gemacht werden können. Wir sind sichtbar mit all unseren Angeboten und Problemen.
Wir Evangelische machen keine Exerzitien, bieten keine Wallfahrten, kein Ablass-, Buß- oder Vertretungspilgern an. Wir pilgern nicht an einen heiligen Ort. Wir machen uns lediglich auf den Weg und gestalten Wanderungen als eine spirituelle Möglichkeit, sich und unserer Umgebung zu nähern, in Kontakt miteinander zu treten und gemeinsam über unseren Glauben nachzudenken.
Dazu ist wichtig, was die WegbegleiterInnen und die Kirchgemeinden auf dem Weg anbieten: eine geeignete Herberge, eine verlässlich geöffnete Kirche, ein Willkommen, ein Pilgersegen oder auch spezielle Gottesdienste. Eine Pilgerbegleitung mit Zeiten für Einkehr; Lieder, Gebete, für Gespräche, historische Rückblicke und Zeit für den Austausch persönlicher Fragen des Lebens, sollte auch immer die Augen öffnen für die Gegenwart: Was gibt es Schönes auf dem Weg, wo geht es der Natur und den ländlichen Regionen? Woher kommen wir, wohin gehen wir und was umgibt uns?
Beim Gehen, beim Wandern spüren wir die Welt um uns herum und unseren Körper anders als beim Sitzen und beim Fahren. Details werden deutlicher, die Wahrnehmung ist erhöht. Pilgern ist zunächst Wandern bei Sonne, Wind, Regen, Hitze, Kälte, plötzlichen Gewittern, aber es kommt noch mehr hinzu: Ziele, Phantasien, Erinnerungen und Tradition.
Wir können uns als Kirche neu gestalten und präsentieren, in dem auch unser „Ureigenes“, das Evangelium auf dem Weg zur Erfahrung werden kann.
Zeitgenössisches Pilgern könnte heißen „Unterwegssein mit wachen Sinnen und offener Seele“.
Die Emmausjünger
Die Bibel ist voller Weggeschichten, Abraham, Isaak und Jakob, das Volk Israel, die Jünger Jesu, die Missionare des NT – sie alle machten Gotteserfahrungen unterwegs. Die Emmausjünger gingen von einem Ort zum anderen. Sie bekamen Gesellschaft, unterhielten sich unterwegs. Nach der Ankunft, beim Brotbrechen, erkannten sie plötzlich, dass Jesus mit ihnen gegangen war, und stellten fest: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“ (Lk. 24,32).
Begegnungen mit Gott unterwegs
Der Weg des Buches ist ein Weg, der die Wandernden an die Wurzeln der Geschichte der Evangelischen in Österreich heranführt und heutiges protestantisches Denken und Handeln verständlich machen will. Unsere Gesellschaft ist auf die Kirchen angewiesen, weil sie ein Gedächtnis haben und ein Ort der Erinnerung sind. Fulbert Steffensky hat die Kirche einmal „eine Erinnerungsverleihhanstalt“ genannt. Der Weg des Buches lädt aber auch einfach dazu ein, Alltägliches zu unterbrechen und sich auf den Weg zu machen mit wachen Sinnen und offener Seele. Das tut gut. Wandern ist gesund, bewegt Körper und Geist und ist ökologischer als andere Arten, den Urlaub zu verbringen. Der Weg des Buches bietet die Möglichkeit, die Welt und die Menschen in einer ganz anderen Qualität, der Qualität der Schöpfung, in der der Mensch integriert ist, bewusst wahrzunehmen.
Er fordert heraus, die Qualität des Lebens mehr zu betonen. Viele Menschen machen die Erfahrung, dass es sich beim Gehen oder auch Laufen ganz besonders gut reden lässt. Durch Bewegung und frische Luft kommt mehr Freiheit ins Denken, Fixierungen lösen sich auf. Wer hat nicht schon mal über ein Problem beim Gehen oder Laufen nachgedacht und ist zu befriedigenderen Ergebnissen als hinter dem Schreibtisch gekommen? Unsere Natur und auch unsere Körper sind ein Geschenk Gottes. Brechen wir auf und erfreuen uns an seiner Schöpfung und der guten Betätigung unseres Körpers.
Oskar Sakrausky, Evangelisches Österreich – ein Gedenkstättenführer, Wien 1989, Vorwort
Eingeritzt in den Fels sieht man eine Schlange mit Krone, in der Mitte einen Hund und rechts einen Kirchturm auf einem Schneckenhaus oder einer Spirale stehend. Nach dem Hund hat ja der Fels seinen Namen. Es handelt sich bei ihm natürlich um keine Kirche, sondern um eine Art Kultstätte, auf der sich die Evangelischen versammelten, die im Untergrund oder im Geheimen ihren Glauben lebten. Eine mögliche Deutung der Zeichen und der Inschrift besagt, dass der Hund für den Gegenreformator Peter Hund (= Petrus Canisius) steht, der von Kaiser Ferdinand I. (die Schlange mit der Krone) ins Land gerufen wurde, um die Protestanten zu verfolgen. Der Kirchturm auf der Schnecke oder Spirale soll zum Ausdruck bringen, dass sich die evangelische Kirche zwar langsam aber aufrecht bewegt. Unterhalb der Zeichen befindet sich die Inschrift „Also geht’s in der Welt“ mit verdrehten Buchstaben geschrieben, sie könnte man als Hinweis auf die Konfusion und die religiösen Konflikte deuten, die vor allen Dingen in der Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts geherrscht haben; also in der Zeit, in der die gegenreformatorischen Strömungen am stärksten waren.
(Hannß Moßegger, Laienprediger am Hollereckboden in Wagrein 1731, in: Gerhard Florey, Predigt eines Salzburger Prädikanten aus dem Jahre 1731, in : Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich, Jg. 97, 1981, Auszug in: Weg des Buches, S. 66-67)